Nehmt euch in Acht, Rasenmäherroboter und Akkuschrauber: Bosch veranstaltet seinen ersten Hackathon.

128 Jahren bastelte Robert Bosch in einem Hinterhof in Stuttgart-West einen neuen Zünder für einen Gasmotor. Eigentlich war Bosch nichts anderes als ein Ur-Hardware-Hacker. Mit seinem Zünder fuhren die neuen Automobile viel einfacher los. Es war ein einfacher Hack, auf den Robert Bosch einen Konzern gründete.

An einem Sonntag 128 Jahre später hat das Unternehmen Bosch dreißig Hacker und Coder in einen Raum im Rainmaking-Loft in Berlin-Mitte am weniger schicken Ende der Charlottenstraße eingeladen. Sie sollen zündende Ideen für das Auto der Zukunft zu finden. Es ist der erste Hackathon der Unternehmensgeschichte. Um alles richtig zu machen, hat Bosch Experten für Unternehmens-Hackathons vom Hack Institute ins Boot geholt.

Vor der Tür der Rainmaking-Loft steht der teuerste Bildschirm, den man sich vorstellen kann. Der Touchscreen eines Jaguar F-Type Cabrio. Zu haben ist der Wagen ab 78.0000 Euro. Doch er dient nicht zum Rumfahren, sondern nur als Bildschirm, um die Hacks der Coder sichtbar zu machen.

Bosch baut heute Waschmaschinen, Rasenmähroboter und Akkuschrauber. Und immer noch Autoteile. Alle diese Geräte sollen in Zukunft eine IP haben und so im Netz auffindbar sein. MySpin heißt das System, das Bosch Automobilherstellern anbietet, um das Auto an die Welt da draußen — ans Internet der Dinge anzuschließen. Das Hauptproblem: Das Auto ist per Gesetz eine der letzten Smartphone-freien Zonen.

 Technisches Kernstück des Hackathons ist die Smartphone-Schnittstelle mySPIN, für die Apps angepasst werden sollen, damit sie in der Steuerzentrale  des Autos benutzt werden können. „Wir wollen, dass sie ihr Smartphone ans Auto anschließen können. Und zwar jedes Smartphone an jedes Auto“, sagt Dietmar Meister, der Erfinder von MySpin. „Und dafür brauchen wir die App-Entwickler.“ Populäre Smartphone-Apps wie Parkopedia, Stitcher und Hotelseeker zeigen, was geht. Auch Navi-Spezialist TomTom wird bald per Smartphone das Autodisplay bespielen.

Einige Tüftler wollen einfach mal ein edles Auto hacken.

Innen im Hackerspace sitzen dreißig Coder und eine Hand voll Bosch-Mitarbeiter in blauen T-Shirts. Die Boschler haben noch nie so frei an Projekten gearbeitet, die Gäste haben noch nie für „Car-Infotainment“ gecoded. Statt Pizza vom Bringdienst gibt es Catering vom Berliner Inn-Deli Barcomis. Zu gewinnen gibt es Github-Gutscheine, doch für den Gewinn ist niemand hier. Gemeinsam versuchen die Teams die Apps von Smartphones auf dem Autodisplay nutzbar zu machen. Unter den Teilnehmern sind einige Startups, die hoffen, über den Umweg Auto den Wettbewerbsvorteil zu bekommen. Und einige Tüftler, die einfach mal ein edles Auto hacken wollen.

Ein Smartphone kauft man sich alle paar Jahre neu. Aber einen Jaguar? Der sollte für ein paar Jahre länger halten. Dumm nur, wenn das elektronische Bordsystem des teuren Flitzers dann nach ein paar Jahren aussieht, wie aus der Urzeit. Dumm auch, wenn gleichzeitig alle Dinge drumherum ans Internet der Dinge angeschlossen werden und aus dem neuen Sportwagen einen ziemlich analogen Oldtimer machen. Die Lösung könnte das Smartwatch-Prinzip für Autos sein: Statt selbst intelligent zu sein, bedient sich das Autosystem der Intelligenz des Smartphones: Es kennt die Kontakte, den Wohnort und die Lieblingsmusik.

Noch müssen Autoverkäufer nach dem Smartphone des Kunden fragen: iOS oder Android? Und haben eine 50-Prozent-Chance, dass das Betriebssystem zum Auto passt. In viele BMW zum Beispiel passt nur iOS. Das ist der Vorteil des Bosch-Systems. Für den Durchbruch braucht man statt teurer Luxuskarossen ein Auto für die Massen.

Das Team des Leipziger Startups ekoio entwickelt an diesem Wochenende eine App, die zum Spritsparen ermuntert — per Gamification. „Wenn man scharf bremst oder zu stark beschleunigt kostet das Punkte“, sagt Eric Kelm von ekoio. Er hat Ringe unter den Augen, denn er hat mit seinem Kollegen Martin Feige die ganze Nacht mit Club Mate und einem Igelball für die erschöpfte Hand die Spritspar-App gecodet. Auf seinem T-Shirt ist ein weißer Eimer, darunter steht „iMer“. Coder-Humor. Er sagt: „In einer Flotte eingesetzt, kann unser Fahrtrainer bis zu dreißig Prozent sparen.“ Viel mehr Gaming ist nicht drin, sagt Martin Gansert von Bosch, es gehe ja gerade darum, dass der Fahrer nicht abgelenkt wird.

Einen Tisch weiter sitzt das Team von Familonet hinter den Macbooks. Sie haben ihre Familien-Vernetzungsapp aufs Autodisplay angepasst. „Per Smartphone kann sich die Tochter melden, dass sie aus der Schule abgeholt werden will. Das bekommt der Vater im Auto angezeigt und kann die Abholung bestätigen“, sagt Gründer David Nellessen. Sie hoffen, dass sie sich mit dem Schritt ins Auto gegen größere Konkurrenten behaupten können.

Ein anderes Team entwickelt eine App, die die Playlist an die Geschwindigkeit des Autos anpasst. Auf einem Tisch steht eine Lego-Garage, die per Touchscreen aus dem Auto geöffnet werden kann. Cornelius Rabsch von Beaconinside codet allein. Er will, dass das Auto beim Gepäck mitdenkt. Dazu will er  das Auto mit Sporttasche, Schlüsselbund und Schulranzen vernetzen. An den Gegenständen hängen Kurzstreckensender mit Apples iBeacon-Technologie. Auf dem Display in der Mittelkonsole wird dann angezeigt, welche Gepäckstücke im Auto sind.

Noch bekommen die Coder nur eingeschränkte Informationen aus dem Fahrzeug. Nützliche Informationen wie Kilometerstand und Drehzahl sind noch gesperrt — die wollen die Autohersteller exklusiv für ihre eigenen Apps. Bei Bosch wissen sie, dass die Zukunft wird nicht in internen Innovationsmanagement-Ketten erfunden wird. Sondern indem man ein Ecosystem an Entwicklern um sich schart. Martin Gansert aus dem Bosch Social-Media-Relations Team sagt: „Statt auf  Blogger-Treffen mit der Community zu reden, arbeiten wir hier auf dem Hackathon mit ihr zusammen.“

Bisher ist der Bosch-Telefonanschluss in einigen Jaguar-Modellen und einigen Wagen von Landrover installiert. Diese Schnittstelle soll für App-Entwickler geöffnet werden. Denn am Ende wird das beste App-Ecosystem darüber entscheiden, welcher Ansatz sich durchsetzen wird.

Am Ende des Wochenendes stehen 6636 Zeilen Code zur Zukunft des Autos. Der Spritspartrainer von Ekoio belegt den dritten Platz, das Team Lego-Garage den zweiten, Familonet gewinnt — und könnte so das Jaguar-Cabrio ein Stück mehr zum Familienwagen machen.

(Erstmals erschienen am 29. Oktober 2014 auf Wired.de)