Knistert, aber garantiert nachhaltig

Er entwickelte eine der besten Schokoladen der Welt. Doch zufrieden war Philipp Kauffmann erst, als er sie in kompostierbare Folie verpacken konnte.

Sofort strömen von der dunklen Schokolade süße Aromen aus und setzen sich in der Nase fest. Doch Kauffmann, Gründer von Original Beans, lässt die Schokolade, die mehrfach als eine der besten der Welt prämiert wurde, unbeachtet. Er will an diesem Vormittag in Berlin erzählen, wie der Winzling Original Beans eine der größten Innovationen der Schoko-Industrie schuf: eine kompostierbare Folie.

Noch ist Tafelschokolade davon weit entfernt. Das liegt am Aluminium in der Verpackung, dessen Herstellung enorm viel Primärenergie verschlingt. Doch eine Schokolade ohne die silbrig glänzende Alu-Folie gilt bei Verbrauchern wenig. Die Folie, die zwischen Kauffmanns Fingern knistert, besteht dagegen aus Pflanzenfasern – Cellulose aus schnell wachsendem Eukalyptus – mit einer hauchdünnen Alu-Beschichtung.

Kauffmann nimmt sie in den Mund, zerreißt sie mit den Zähnen und tunkt einen der Fetzen in sein Wasserglas. Als er ihn herauszieht und trocknet, fühlt sich die eben noch knisternde Folie weich an wie Papier. Diese Verwundbarkeit ist ökologischer Vorteil und Herausforderung zugleich: eine Folie, die glitzert und knistert, vor Feuchtigkeit und Hitze schützt und im Kompost binnen drei Monaten bis auf ein paar funkelnde Alu-Sprenkel zerfällt.

Etwa 25.000 Euro habe die Entwicklung gekostet, schätzt Kauffmann. Für ein Start-up, das nicht damit rechnet, wegen der Verpackung auch nur eine Tafel mehr zu verkaufen, ist das ein Risiko, für die Schokoladenkonzerne wären es Peanuts. Außer Geld brauchte es für das Projekt auch Leidenschaft, Erfindergeist und das Aufeinandertreffen zweier Männer. Kauffmann traf Arie Gelein, der sich mit seiner Beratungsfirma auf ökologische Verpackungen für Blumen, Gebäck und Kaffee konzentriert. Schokolade, sagt Gelein, sei die Königsdisziplin. Kaum ein Produkt sei so empfindlich. Er spürte schließlich eine geeignete Folie auf.

Im Oktober 2010 sollte es losgehen: Alle Tests waren gelaufen, auf den Packungen wurde die Folien-Revolution ausgerufen. Beim Auftragsproduzenten lief die Maschine an, eine aus den Sechzigerjahren, ausgelegt für dicke Aluminiumfolie. Sie verpackt 150 Tafeln in der Minute.

Die ersten wurden noch perfekt zugeschweißt. Doch dann verrutschte die Folie und brachte die Maschine aus dem Takt. Kauffmann musste die Produktion abbrechen. Anders als Alu-Folie ist die aus Cellulose ein Sensibelchen, das heikel auf Feuchtigkeit und Temperatur reagiert. Mit jeder neuen Rolle ändern sich die Eigenschaften.

Die Schokolade selbst wurde ein Erfolg, trotz des hohen Preises von bis zu 4,50 Euro pro Tafel. Doch sie steckte noch in Alufolie. Kauffmann experimentierte, ließ die Schokolade über schräge Bretter rutschen, erwärmte mal die Folie, mal kühlte er sie und testete andere Möglichkeiten. Nach anderthalb Jahren wagten sie in diesem Sommer den zweiten Anlauf mit der Biofolie – er klappte.

Die Original-Beans-Schokolade löst sich samt Folie im Gartenkompost fast spurlos auf. „Das ist für den Privatmann nett“, sagt Rodion Kopitzky vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen. Die dünne Beschichtung sei ökologisch unbedenklich, weil Aluminium im Erdreich gebunden sei. Ein Nachteil kompostier barer Folien ist, dass der entstehende Kompost, anders als beim Verrotten eines Apfel-Kerngehäuses, nährstoffarm ist. Der Vorteil ist: Ob ein Land eine hohe Recyclingquote hat oder den Müll einfach deponiert – die Folie wird nirgends zur Belastung.

Vielleicht 200.000 Tafeln wird Original Beans im kommenden Jahr verkaufen. Noch macht das Unternehmen die Hälfte des Umsatzes mit Spitzenköchen. Theoretisch könnten auch Mars, Milka und Marabou auf die Öko-Verpackung umstellen. Kauffmann sagt: „Ideologisch fänden wir es toll, wenn wir kopiert würden, marktwirtschaftlich fänden wir es scheiße.“ Und dann bietet er die Schokolade an, deren Geschmack einem den ganzen Tag lang am Gaumen bleibt. Er überlegt kurz, bevor er die Folie ins Altpapier wirft. Selbst wenn sie maschinell aussortiert würde – sie verschwindet am Ende doch von selbst.

(Erschienen in brand eins Ausgabe 08/2013 – Das geht)