Die Schildbürger

Die Visitenkarte von Peter Jakob ist nahezu unverwüstlich: Der Geschäftsführer von Printolux druckt sie auf Aluminium – mit einem neuen, von ihm selbst entwickelten Verfahren. Sie ist so robust, dass er sie sorglos in einer Automobil-Fabrik liegen lassen könnte, denn Lösungsmittel, Hitze, Öl, Dampf hält sie aus, muss sie aushalten. Das Erstaunliche an der Karte ist, dass sie aus einem handelsüblichen Tintenstrahldrucker kommt. Sie ist das Muster für die Technik, die Jakob entwickelt hat. Bislang wurden Schilder und Beschriftungen, etwa in der Automobilindustrie, graviert. Mit Jakobs Erfindung kann man sie drucken. Und zwar nach Bedarf.

Im Grunde ist es sein Lebensthema. Jakob hatte eine Firma, die Industrieanlagen beschriftete, später entwickelte er ein Gerät zum Druck von Plastikkarten. Und schon lange fragte er sich, warum Hinweisschilder, egal ob aus Kunststoff, Aluminium oder Messing, nicht so einfach herzustellen sein sollten wie Etiketten. Vor 15 Jahren nahm er einen Tintenstrahldrucker und begann zu experimentieren. Kurz danach hörte er von einem Kraftwerksneubau. Er überzeugte den Ingenieurdienstleister Vescon, der die Anlage plante, ihn die Schilder fertigen zu lassen – auf einem umgebauten Tintenstrahler.

“Meine Visitenkarten sind noch im Backofen”, sagt Peter Jakob. So beginnt er gern seine Verkaufsgespräche. Mit ihm am Tisch sitzt ein neuer Kunde und schaut verdutzt. Man muss Jakob wegen dieses Satzes für ein wenig verrückt halten. Doch der 62-Jährige verkörpert das genaue Gegenteil. Schon wie er da mit gestreifter Krawatte zu kariertem hellem Jackett sitzt, ist er ganz der seriöse Verkäufer. Jakob weiß, dass man dick auftragen muss, bevor sich jemand für Kabelschilder interessiert.

Es ist nicht so, dass Schilder bisher ein Problemfeld wären. Auch der Produktmanager am Tisch muss erst noch davon überzeugt werden, ein funktionierendes System aufzugeben. Bei Daimler brauchte Peter Jakob nur eine knappe Stunde, um die Manager zu begeistern und für zugelieferte Teile gelistet zu werden. Dem Zwerg Printolux gelingt es, große Unternehmen in kürzester Zeit von seiner Technik zu überzeugen. Tatsächlich genügt es meist, für die potenziellen Kunden zu drucken und zu backen. Längst passt die Referenzliste nicht mehr auf ein kleines Schild, drängen sich dort viele große Namen der deutschen Industrie: Audi, Daimler, Bosch, ABB, BASF, Freudenberg, M+W, Zeiss, Siemens. Wie schafft das kleine Unternehmen in Frankenthal das?

Printolux verkauft nicht ein Gerät, sondern einen neuen Prozess. Statt die Schilder zum Graveur zu geben oder sich tausend verschiedene Schilder ins Lager zu legen, kann man sie mit einem umgebauten Drucker beschriften – und zwar vor Ort, mit jedem Computer. Das einfachste Gerät im Printolux-Sortiment kostet etwa 3500 Euro und ist ein umgebauter Tintenstrahler von Epson. “Wie andere Autos veredeln, sind wir Druckerveredler”, sagt Hermann Oberhollenzer, Projektmanager bei Printolux. “Der Drucker, den wir nehmen, ist wie ein Golf: Der funktioniert immer.” In den Drucker kommt spezielle thermohärtende Tinte. Nach dem Druck müssen die Schilder für einige Minuten in den Ofen. Die Hitze verbindet die Tinte mit zuvor aufgetragenem Harz zu einer hochbeständigen Schicht. Damit könnte man eine Menge machen. Aber Printolux hat sich spezialisiert.

12 mal 60 Millimeter groß ist der Freiraum, den Jakob den Unternehmen bietet. So groß ist ein typisches Kabelschild. Bisher wurden sie von den Firmen, die sie brauchen, außer Haus hergestellt. Jetzt kommen sie auf einen Bogen geklebt wie ein Etikett in die Printolux-Maschine. Heraus rutschen Platten mit kryptischen Aufschriften wie “=010FX_002-Y1VR”, aber auch “Maximaler Druck: 6 bar”. Die Beschriftung folgt den Standards der Automobilhersteller. Jeder von ihnen hat seine eigenen Schilder, seine eigenen Beschriftungen. Es sind spezielle Codes, die die großen Autobauer ihren Zulieferern vorgeben, um die eigene Fertigung zu organisieren und Wartung und Service einfacher zu gestalten.

Für ein Projekt im September 2010 brauchte ein deutscher Automobilzulieferer 50 000 dieser Kabelschilder, fast jedes mit anderer Aufschrift. Der Graveur hätte 800 am Tag geschafft, also gut drei Monate dafür gebraucht. Auf dem Printolux-Gerät ließen sich 6000 Schilder am Tag fertigen – und schon nach acht Tagen war die Arbeit erledigt. Hinzu kam: Mit dem neuen System konnte das Unternehmen die Schilder selbst herstellen. Vor allem durch die kürzere Arbeitszeit sparte es 13 000 Euro. Und, was fast noch wichtiger ist: Es musste sich nicht drei Monate im Voraus darauf festlegen, welche Schilder gebraucht wurden.

“Das kann jeder bedienen, der Papier in einen Drucker legen kann”, sagt Horst Mende vom Automobilzulieferer M+W in Ingolstadt. “Schreibfehler und falsch beschriftete Schilder korrigieren wir damit sofort.” Die größte Skepsis der Unternehmen sind die versteckten Kosten. Da ist das beste Verkaufsargument die billige Tinte. Die Druckerpatronen sind wiederverwendbar. Eine Nachfüllflasche kostet 40 Euro. Ein 110 mal 40 Millimeter großes Schild verbraucht Tinte für 1,5 Cent, ein Schild im Format DI N-A4 Farbe für einen Euro.

Aber nicht mit den Druckern, nicht mit der Tinte, sondern mit den Schilderbögen will Printolux Geld verdienen, wenn das System einmal etabliert ist. Der Kunde kann sie nehmen und in den Drucker einlegen. Wenn Jakob wieder einen neuen Einsatzbereich für seine Drucktechnik gefunden hat, von botanischen Gärten erzählt, die jedes Jahr neu beschildert werden, und von Frontblenden für Geräte, die nicht mehr grau und technisch anmuten, sondern von Künstlern gestaltet sind, dann bremst ihn sein Projektmanager Oberhollenzer und sagt: “Aber das Geld verdienen wir mit Kabelschildern.”

Printolux hat 18 Mitarbeiter. In der kleinen Produktion stehen die Tafeln auf dem Boden, zum Aufhängen hat die Zeit gefehlt: Es sind keine Kabelschilder, sondern bunte Experimente mit Kunst, Pferde mit wehenden Mähnen und Landkarten. Die unscheinbaren weißen Kabelschilder dazwischen übersieht man leicht. Jakob nimmt eines in die Hand. “Unser neuestes Material”, sagt er. Zwei Tage ist es her, da war er in Kassel auf einer Verkaufsveranstaltung. Ein Interessent hatte den Kunststoff zum Testen des Printolux-Druckers mitgebracht. Es klappte.

Wäre Jakob nicht Jakob, hätte er nun sein System verkauft und den Vorfall vergessen. Doch der ließ sich sofort den Namen des Herstellers geben, auf dessen Kunststoffschild sein Druck so gut funktionierte. Zwei Tage später hatte Printolux neues Schildermaterial. Auch diese Sorgfalt in der Beobachtung von Kunden ist ein kleines Printolux-Erfolgsgeheimnis.

(Erstmals erschienen in brand eins Ausgabe 01/2011 – Schwerpunkt Freiräume)