Die Netzstarter

Das Internet senkt die Hürden für Unternehmensgründer. Hier drei Beispiele von Firmen, die es nur gibt, weil das Web ihren Gründern die Möglichkeiten dazu eröffnete.

Der Online-Schreiner

Was macht ein Handwerker, wenn es etwas nicht gibt? Er baut es sich. So tat es Sebastian Schips, Spross einer Schreinerfamilie. Der junge Tischler wollte über das Internet Schränke verkaufen, die der Kunde individuell entwirft. Doch dafür gab es keine Lösung. Also begann Schips zu tüfteln.

Bislang war die Planung von Schränken eine aufwendige Sache. Schreiner fahren meist zu den Kunden, messen, zeichnen, machen ein Angebot und bessern nach. So hatte auch Schips es gelernt.

Tatsächlich gibt es kaum ein komplizierteres Möbelstück als einen Schrank. Und kaum ein Produkt ist für den Kunden schwieriger zu planen. Doch Schips überwand nicht nur die Technik, sondern nahm auch den Kunden an die Hand: Vom Schuhschrank bis zum begehbaren Kleiderschrank ist alles bei ihm bestellbar. Nach der Größe wählen die Kunden die äußere Erscheinung, die Inneneinteilung, das Material und die Beschläge. Bevor das Möbelstück produziert wird, überprüft ein Fachmann die Planungen. Wenige Wochen später wird es zerlegt nach Hause geliefert. 200 Schränke hat Schips im ersten Jahr verkauft.

Ohne das mittelständische Familienunternehmen seiner Eltern wäre das Online-Abenteuer allerdings nicht möglich. Die Schreinerei mit ihren 20 Mitarbeitern produziert die Schränke, die im Netz bestellt werden. Die Firmen sind rechtlich getrennt. Meine-moebelmanufaktur.de beauftragt den elterlichen Betrieb mit der Produktion. Der Sohn hat sein Start-up in der direkten Nachbarschaft. Fast täglich ist er in der Werkstatt. “Mit einer Produktion irgendwo im Ausland würde die Abstimmung mit all den Sonderwünschen der Online-Kunden nicht klappen”, sagt Schips. So fertige er bei jedem zweiten Schrank einen Ausschnitt für Steckdosen. Bei der Frage “Was kostet das?” fühlt er sich bei seiner Schreinerehre gepackt und entgegnet empört: “Nichts.”

Noch ist die Möbelmanufaktur ein kleiner Zwei-Personen-Betrieb. Wer die Nummer der Hotline wählt, hat oft den Firmengründer selbst am Apparat. Seine Maßschränke seien nicht teurer als die besserer Möbelgeschäfte, sagt Schips. Und qualitativ ebenso gut. Auch werde der Kunde vor Fehlern geschützt. “Es gibt eine ausgefeilte Prüflogik im Konfigurator.” Die verhindere, dass Kunden unmögliche Schränke mit nicht schließenden Türen bauen oder Einlegeböden planen, wo schon Schubladen sind.

Nach der Planung übergibt Schips den Auftrag an einen Arbeiter im Betrieb der Eltern. Der erstellt eine Konstruktionszeichnung und stellt die Teile mit der CNC-Fräse her.

Die technischen Hürden sind so weit gesunken, dass der Kunde die Produktion millimetergenau steuern kann. “Wir fertigen auf Wunsch auch noch genauer”, sagt der Gründer. Täglich wundert er sich, mit welch krummen Maßen seine Kunden Sideboards und Kleiderschränke bestellen. Ein Clou, auf den Schips besonders stolz ist, ist die individuelle Montageanleitung für den bestellten Schrank, die jeder Bestellung beiliegt.

Perfekt war der Konfigurator am Anfang nicht. Die Möglichkeit etwa, Türen ohne Griffe zu fertigen, war zuerst nicht vorgesehen. Aber Schips hat sich den Kundenwünschen angepasst: “Inzwischen bestellt die Hälfte der Kunden ihren Schrank grifflos.” Die Online-Schreinerei löst nicht nur ein technisches Problem. Sie könnte auch die Zukunft der Familienfirma und das Handwerk an sich sichern, glaubt er: “Das ist der Weg, mit dem wir Schreiner in zehn Jahren noch Arbeit haben.”

Die Experten-Expertin

Manchmal kann ein Familienkrach schöpferische Kräfte freisetzen. Chiara Sommer scheiterte im Skiurlaub daran, ihrer Mutter das iPad zu erklären. “Es müsste im Netz genügend Menschen geben, die das besser können”, sagte sie sich. Doch Sommer fand niemanden. So beschloss die Studentin, zusammen mit ihrem Vater Dan Sommer ein Unternehmen zu gründen: eine Expertenvermittlung für alle Lebenslagen. Pick-a-Genius nannten sie ihre Website. Die Idee: Jeder kann dort Experte werden und live beraten – gegen Bezahlung. Damit setzt Sommer auf einen großen Vorteil des Netzes: jederzeit verfügbares Wissen. Zwei Jahre ist der Krach ums iPad jetzt her. So lange tüftelte Sommer an ihrem Modell.

Abgerechnet wird auf Pick-a-Genius nach Minuten. Der Preis richtet sich nach den Bewertungen. Von Cloud-Computing bis Coaching, von Rechtsberatung bis Tierpsychologie reicht das Spektrum. 160 Experten haben sich in der Testphase registriert, 1000 sollen es dieses Jahr werden. Die Fachleute beraten live via Audio, Video oder Chat. Inzwischen fände Sommer 19 Experten, die ihrer Mutter dabei helfen könnten, ihr iPad zu bedienen.

Nicht weniger als “answers to anything” (“Antworten auf alles”) verspricht das Unternehmen. Und seine Gründerin gibt sich selbstbewusst: “Schon mit 1000 Experten können wir den größten Teil der Fragen beantworten.”

Wissen ist im Internet kein knappes Gut. Pick-a-Genius begibt sich in Konkurrenz zu den kostenlosen Foren und Frageportalen wie Quora und Ask.com, aber auch zu den Hilfsgesuchen auf Facebook, Twitter und in Blogs. Selbst individuellen medizinischen Rat gibt es dort kostenlos (brandeins 10/2012). Aber: “Im Netz dauert es oft zu lang, eine Antwort zu bekommen. Und der Umgangston wird schnell beleidigend”, sagt Sommer. Ihre Experten verpflichtet sie deshalb in einem Verhaltenskodex darauf, professionell, höflich und verantwortungsbewusst zu beraten. Sie will mit Glaubwürdigkeit punkten. Und sie hofft, dass ein ausführlicher persönlicher Rat sein Geld wert ist.

Die 24-Jährige gehört zu der Generation, die ihr Wissen selbstverständlich aus dem Internet holt. Und zwar zu jedem Thema. Sie sei oft erkältet. Deshalb nutze sie regelmäßig eine medizinische Beratung im Netz, um sich über verschriebene Medikamente zu informieren, sagt sie. “Die Zeit, die sich ein Experte nimmt, ist ein wertvolles Gut. Viele Ärzte haben diese Zeit nicht für ihre Patienten.”

Wenn Wissen immer spezieller wird, wird es immer unwahrscheinlicher, den passenden Fachmann vor der eigenen Haustür zu finden. “Oft verlassen wir uns aus Bequemlichkeit auf den falschen Experten”, sagt Sommer. Pick-a-Genius biete da eine gute Alternative. Zudem vertrauten Menschen Beratern, die sie sehen und hören, mehr als anonymen Ratschlägen im Netz.

Der Preis der Pick-a-Genius-Experten ist direkt an die Bewertungen geknüpft. Wer neu anfängt, darf höchstens ein Honorar von 20 Cent pro Minute nehmen. Mit jeder positiven Bewertung steigt es um zehn Cent die Minute. Ausnahmen gibt es nur für Berufe, die Honorar-Ordnungen haben, wie etwa Rechtsanwälte oder Architekten. Damit das System funktioniert, wird jeder Kunde zu einer Bewertung verpflichtet, bevor er die nächste in Anspruch nehmen darf.

Die Firma gibt Experten die Möglichkeit, ihre eigenen Geschäftsmodelle im Internet umzusetzen. Allerdings funktioniert solch ein Makler nur, wenn mehr Menschen bereit sind, das Netz nicht nur als Einkaufsparadies, sondern auch als Raum für bezahlte Dienstleistung zu sehen. Günstiger kann man einen Experten indes wohl kaum testen: Bei einem Einstiegspreis von zwölf Euro die Stunde ist das Risiko für den Ratsuchenden überschaubar. Zudem lässt sich die Online-Beratung jederzeit abbrechen, wenn sie nicht zum Ziel führen sollte. Eine Option, die den Geldbeutel der Kunden gerade bei höheren Honorarsätzen schont.

Für die registrierten Fachleute sei es nicht nur das Geld, das sie motiviere, sagt Sommer. Viele wollten einfach gern helfen. Zudem sei die Plattform eine Möglichkeit, sich online eine Reputation aufzubauen, so die Unternehmensgründerin. Sie selbst erhält von den Honoraren einen Prozentsatz und will mit Werbung Einnahmen erzielen.

Im März geht Pick-a-Genius offiziell an den Start. Unter den dort bereits registrierten Besserwissern sind Professoren und Lehrer, aber auch Unternehmer und Coaches, die für sich werben wollen.

Der Spielzeugverleiher

Es gibt Ideen, die klingen viel zu einfach, um ernst genommen zu werden. Die von Florian Spathelf ist so eine. Spathelf verleiht gebrauchtes Spielzeug im Abo an junge Eltern. Warum, so fragte er sich, sollten Eltern ständig Spielzeug kaufen, wenn die Kinder kurz danach eh neues haben wollen und das neue Feuerwehrauto neben der Kugelbahn im Keller landet? Meinespielzeugkiste.de tauscht die abgelegten Spielzeuge stattdessen gegen andere. Das hält den Keller frei und schont den Geldbeutel. Die Eltern wählen online zwischen zwei und sechs Spielzeugen aus und behalten sie so lange, wie sie wollen. Der Service kostet monatlich zwischen 14 und 34 Euro. Die gebrauchten Spielzeuge werden in einer Behindertenwerkstatt gereinigt und finden ihren Weg zum nächsten Kind.

Mehr als 200 Euro gibt die Durchschnittsfamilie im Jahr für Spielzeug aus. Trotzdem muss Spathelf immer wieder die eine Frage beantworten: Gibt es auf dem hart umkämpften Markt eine Nische für eine so ungewöhnliche Idee?

“Die Idee findet jeder auf Anhieb gut”, sagt Spathelf. Doch im Gespräch mit Investoren begegnete ihm Skepsis. Denn als er vor einem Jahr begann, gab es erst 30 Kunden. Damit es mehr wurden, brauchte er dringend Kapital für Werbung und Spielzeug. Im Netz fand er es: durch Crowdinvesting, der Finanzierung durch Mitglieder der Netz-Community. Gerade erst ist die erste Geldsammel-Runde zu Ende gegangen. Innerhalb von nur elf Tagen hat meine-spielzeugkiste.de 100.000 Euro von 370 Investoren eingesammelt.

In den vergangenen Monaten sind zahlreiche Crowdfunding- und Crowdinvesting-Plattformen entstanden. Spathelf nutzt die erst wenige Monate alte Companisto aus Berlin. Sie setzt nicht auf große Kapitalgeber, sondern auf viele Mikroinvestoren.

Seine Geldgeber lockt Spathelf mit Spielzeug. Wer 50 Euro investiert, bekommt als Gewinnbeteiligung kostenlos einen Monat lang Spielzeug. Für ein Investment von 5000 Euro gibt es ein Gratisspielzeug und ein Jahr lang eine Spielzeugkiste. “Crowdinvesting ist nicht nur eine gute Möglichkeit, eine Firma zu finanzieren, sondern auch, den Fuß bei Kunden in die Tür zu kriegen”, sagt Spathelf. Denn tatsächlich ist das Geld nur die eine Seite. Die 370 Mikroinvestoren sind gleichzeitig auch potenzielle Kunden. “Letztendlich ist Geld nur eine Form des Vertrauensbeweises”, sagt er. “Und dieses Geld der Companisten ist warmes Geld.”

Mit warmem Geld hat Florian Spathelf Erfahrung. Bevor er Unternehmer wurde, vergab er Mikrokredite. Da arbeitete der Betriebswirt für das Grameen Creative Lab von Muhammad Yunus in Bangladesch. Dann beschloss er, selbst Unternehmer mithilfe von Mikrofinanzierungen zu werden. “Die Bedingungen sind ganz anders. Aber das Vertrauen, das einem gegeben wird, ob in Bangladesch oder Deutschland, ist das gleiche.”

Spathelf weiß, dass für sein Geschäftsmodell ein Umdenken notwendig ist: weg vom Besitz, hin zum geteilten Konsum, der “Collaborative Consumption”. Sein Geld will der Gründer mit den Abo-Gebühren, mit dem Verkauf der verliehenen Spielzeuge und durch Marketing-Kooperationen mit Herstellern verdienen. Mit Ravensburger, Selecta, Big, Goki und Imaginarium hat er bereits fünf große Partner. Die Zusammenarbeit hat für beide Seiten Vorteile: Der Spielzeugverleih bekommt die Ware billiger direkt vom Hersteller. Und die Hersteller können neue Produkte und Einsteiger-Sets ohne Umweg an die Eltern bringen. Trotzdem ist Spathelf eine gewisse Unabhängigkeit für die Akzeptanz bei den Eltern wichtig.

Weniger als 300 Euro hat der durchschnittliche Investor zugeschossen. Das ist für eine Unternehmensbeteiligung nicht viel. Doch die Unterstützer sind mit Elan dabei, wie die Kommentare auf der Spenderseite zeigen. Anreiz ist eine Gewinnbeteiligung auf zehn Jahre, die ausbezahlt wird, auch wenn das Unternehmen vorher verkauft werden sollte. Und der Reiz, an einer Firma beteiligt zu sein, deren Dienste man nutzt. “Profi-Eltern” nennt Spathelf seine Kunden. Er glaubt, dass auch viele Tanten, Onkel und Großeltern darunter sind, die zwar Spielzeug schenken wollen, aber mit der Auswahl überfordert sind. “Ich möchte die Unterstützer richtig einbinden, wie Teammitglieder.”

Wenn es klappt, sorgen die Geldgeber auch für jede Menge Marketing. Das ist ein Vorteil von crowdfinanzierten Unternehmen wie der Spielzeugkiste: Sie können so weit über ihre Netzgemeinschaft hinauswachsen. Außerdem steht die Idee des Geldverdienens bei dieser Community von Anfang an im Mittelpunkt und muss den Beteiligten nicht erst im Nachhinein nahegebracht werden. Die Spielzeugkiste hat über ihre vielen Kapitalgeber viele Kunden und viele Multiplikatoren.

Spathelf hat sich den Schritt ins Netz gut überlegt. Anders als bei anderen Crowdinvesting-Plattformen werden die Unterstützer der Plattform Companisto nicht direkt zu 370 stillen Teilhabern am Unternehmen. Denn in der Praxis können unberechenbare Teilhaber ein Hindernis für den späteren Einstieg von Geldgebern sein. Stattdessen hält Companisto einen Anteil stellvertretend für die vielen Geber. Da die Höhe des Kapitals bisher bei 100.000 Euro gedeckelt ist, wird Spathelf weiteres Kapital brauchen. Aber er ist zuversichtlich. “Die Crowdinvesting-Runde”, sagt er, “war der ‘social proof of concept’ und ist damit ein perfektes Argument für ein zukünftiges Investment.”

(Erstmals erschienen in brand eins Ausgabe 03/2013 – Schwerpunkt Grenzen)