Der Hamsterflüsterer

Wenn kleine Tiere große Bauvorhaben blockieren, ist Richard Raskin gefragt.

“Am Anfang hatten wir die Hamster einfach nicht auf der Rechnung”, sagt der Umweltgutachter Richard Raskin. Er kennt die Horbacher Börde, wie die Gegend hieß, als es noch Felder waren. Es war kein Stück unberührte Natur, sondern ertragreicher Boden, auf dem seit Jahrhunderten Landwirtschaft betrieben worden war. Eigentlich hatte er für die Investoren auf dem Gelände vor allem nach seltenen Feldvögeln gesucht. “Mit dem Hamster hat sich kein Mensch beschäftigt, auch nicht der Naturschutz zu der Zeit.” Hamster unterschätzen – das passiert Raskin heute nicht mehr. Auch er hat im Niemandsland neben der Allee seine Lektion von den Hamstern gelernt, vor zwölf Jahren.

Es sind Arten, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben. Eine Kolonie Kammmolche stoppte den Bau der Autobahn 49 in Hessen. Der unscheinbare braune Wachtelkönig verhinderte den Neubau einer Wohnsiedlung in Hamburg. Großtrappen zwingen die Deutsche Bahn, eine ICE-Strecke durch das Havelländische Luch umzuplanen und für jeden Vogel 273 000 Euro in den Artenschutz zu investieren. Fast hätte eine Fledermauskolonie der Kleinen Hufeisennase den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden verhindert.

Raskin ist der Mittler zwischen Natur und Mensch. Und es gibt viel zu vermitteln. Wenn eine Behörde oder ein Unternehmen seltene Tiere auf Bauland vermutet, klingelt beim Hamsterflüsterer das Telefon. Zu seinen Kunden gehören Alcatel, die Bahn, der Energieversorger RWE und die Baumarktkette Obi, aber auch mittelständische Unternehmen und die Ordensgemeinschaft der Christenserinnen. Eigentlich jeder, der baut. Der ehemalige Naturschützer blockiert nicht. Er begutachtet und findet dann Auswege, die Tier und Mensch nutzen müssen.

Mitte der neunziger Jahre war es noch unvorstellbar, dass Hamster ein Gewerbegebiet aufhalten könnte. Dann stoppten die Hamster Avantis. “Wir haben nicht damit gerechnet, dass ein Umweltthema uns derart lange so deutlich beeinträchtigen könnte”, sagt René Seijben, Vorstand der Betreibergesellschaft, heute. Und noch immer versteht Seijben nicht ganz, wie das mit den Hamstern passieren konnte.

Die Erklärung liegt in einem Coup der Naturschützer. Als das Gewerbegebiet geplant wurde, kannte kaum jemand die Richtlinie 92/43/ EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wild lebenden Tiere und Pflanzen, die gerade europäisches Recht geworden war. Diese Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gab dem Artenschutz ein Veto: Gebaut werden darf nur, wenn es den seltenen Arten nicht schadet. Die niederländische und die deutsche Regierung ließen sich Zeit mit der Umsetzung in nationales Recht. Und so war plötzlich die EU-Richtlinie geltendes Recht.

Dann zählten findige Naturfreunde 300 Feldhamsterbauten auf dem Stück Land. “300!”, Raskin ruft es empört. “Und das, wo es in der ganzen Gegend zu der Zeit weniger als 100 Hamster gab.” Er hatte 1998 in seinem Gutachten für Avantis höchstens vier gezählt. Vier verlassene Bauten. Doch die EU-Kommission wurde aktiv. Avantis sollte der große Prüfstein sein für die neue Richtlinie. 1999 leitete die Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein. Plötzlich standen die Hamsterbauten gegen 12 000 Arbeitsplätze. Es begann der Kampf um die Deutungshoheit über die Erdlöcher.

Es wurde eine komplizierte, vertrackte Angelegenheit. Doch im Grunde ist alles eine ganz einfache Geschichte: Die Sache mit dem Feldhamster verzögerte den Bau, der Konzern verpasste die wirtschaftliche Aufbruchstimmung, den neuen Markt, jetzt führt die Avantis-Allee zwischen den leeren Feldern durch.

Seinen größten Sieg über einen Großkonzern erringt der unauffällige Nager in Abwesenheit

Der Sieg der Naturschützer hatte einen schalen Beigeschmack, denn Hamster wurden auf dem Gelände seit Jahren nicht gesehen. Im Jahr 2000 konnten allen Widrigkeiten zum Trotz die Arbeiten am ersten Gebäude beginnen. “Wir wussten: Wir durften keinen Hamster verletzen, töten, vertreiben”, sagt der Vorstand Seijben. So arbeiteten die Bulldozer vorsichtig. Schicht für Schicht wurden immer fünf Zentimeter Erde vorsichtig abgetragen. “Wir wollten für jedermann transparent machen, dass hier keine unterirdischen Hamsterbauten vorhanden sind.” Seijben ist der letzte Veteran bei dem Unternehmen, der den Hamsterkrieg selbst miterlebt hat. Einen wilden Hamster habe er in all den Jahren noch nicht gesehen. Doch er ist zum Hamsterexperten geworden. “Es war Neuland. Wir haben viel gelernt. Jetzt sind wir hochkompetent, was Naturschutz angeht.”

20 dünne Schichten trugen sie ab, dann hatten sie den gerichtsfesten Beweis: keine Hamster. Jetzt darf gearbeitet werden. 700 Arbeitsplätze sollen es inzwischen sein in den Gebäuden am südlichen Ende, von denen die Avantis-Allee wegführt ins Hamsterland. Die Zeit der Träume und ehrgeizigen Ziele ist vorbei.

Die Rechtsstreitigkeiten haben das Unternehmen nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Euro gekostet. Dazu kommen die Anlage, Pflege und Kontrolle der Hamster-Ausgleichsflächen bis ins Jahr 2022 mit Kosten von 2,5 Millionen Euro. “Viel gravierender”, so Seijben, “ist aber der Image-Schaden.”

Diese Erfahrung machte auch der Energieversorger RWE, als er in Grevenbroich-Neurath Braunkohle abbauen wollte. Auch dort fand Raskin Hamsterbauten. “Das Medieninteresse war noch größer als zuvor bei Avantis.” Aber: “Anders als bei Avantis haben hier beide Seiten profitiert.” RWE entwickelte ein aufwendiges Konzept für neue Hamsterbiotope. Und die nordrheinwestfälische Regierung legte ein gut ausgestattetes Hamsterschutzprogramm auf.

Der Gewinner im Kampf zwischen Natur und Wirtschaft ist Raskin. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Seine Umweltberatung hat fünf Mitarbeiter, größer werden wolle er nicht, sagt er. Er trifft auf seltene Tiere, sieht die Fledermäuse schwärmen vor Sonnenaufgang, hört die Ammern rufen. Er zählt und kartiert die Flecken, paradiesische wie Industriebrachen. Dann kommen die Bagger. Manchmal, sagt Raskin, sei das schon komisch, über Asphalt zu fahren, wo vorher ein Biotop war.

“Deutschlands schlimmste Blockierer sind Molche, Großtrappen und Feldhamster”, schrieb die “Welt” 2004. “Der Artenschutz ist nicht der große Verhinderer von Bauprojekten”, widerspricht Raskin. “Von 24 Projekten, in denen der Feldhamster vorkam, wurden 23 gebaut. Das eine war ein Golfplatz in Hessen, für den es kein öffentliches Interesse gab.”

Wie konnte der Feldhamster, Cricetus cricetus, ein unauffälliges und scheues Nagetier, eigentlich so einflussreich werden? Lange lebte er gut auf den Feldern, bis die modernen Pflüge tiefer gruben, seine Reviere unbewohnbar machten – und aus dem einstigen Schädling eine Seltenheit wurde. So selten, dass am besten jedes einzelne Tier geschützt werden sollte.

Doch nicht jedes seltene Tier kann ein Bauvorhaben stoppen. Der besondere Status mancher Arten ist Ergebnis eines beständigen Ringens zwischen Juristen, Planern und Biologen. Auf jeden Fall herausgehoben sind die im Anhang IV der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie erwähnten Tiere, Fische einmal ausgenommen: von der Mopsfledermaus bis zum Braunbär, von der Kreuzkröte bis zum Rothalsigen Düsterkäfer. Knapp 200 Arten haben in Nordrhein-Westfalen die Macht, ein Bauvorhaben zu stoppen, denn auch lokal besonders gefährdete können dazukommen. Vögel sind besonders stark vertreten, Insekten kaum. Auch werden nur die Tiere zu Baustoppern, die jemand entdeckt – was bei äußerst seltenen Tieren nicht gerade leicht ist. Feldhamster hinterlassen Gänge. Vögel fliegen, rufen und balzen auffällig.

Nun, da es eine Ausgleichsfläche für ihn gibt, kommt er vielleicht. Vielleicht aber auch nicht

Während die überwältigende Mehrheit der Deutschen den Naturschutz befürwortet, hört dieses Verständnis auf, wenn es um die eigene Baustelle geht. Der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Naturschutz, Hartmut Vogtmann, sagte am Ende des Hamsterkrieges 2005: “Wir können nicht die Bedrohung der chinesischen Pandabären oder der tropischen Regenwälder beklagen und gleichzeitig unseren heimischen Feldhamster dämonisieren.”

Es sind aber nicht nur die unberührten Idyllen, die Probleme bereiten. Oft haben seltene Tiere gerade dort ihre letzte Nische gefunden, wo sie niemand vermutet. Das alte Aachener Finanzamt war ein Zweckbau aus den fünfziger Jahren und sollte abgerissen werden. Hinter der Waschbeton-Verschalung fand Raskin Fledermäuse und Mauersegler. Mit dem Abriss musste gewartet werden, bis die Tiere im Winterquartier waren. Auf den Industriebrachen sind es die seltenen Pionierarten, die erst wieder zurückkommen, wenn der Mensch gegangen ist, zum Beispiel Kreuzkröten. Gerade vermutet Raskin das erste in Nordrhein-Westfalen brütende Birkhuhn neben einer ehemaligen Bahntrasse, auf der ein Radweg entstehen soll.

Seine Arbeit dient den Bauherren, aber sie folgt dem Lauf der Natur. “Wenn ein Kunde eine Brutvogelerfassung machen muss, können wir im März anfangen, aber im Juni ist es schon wieder vorbei. Deshalb ist es wichtig, sich früh um die Artenschutzprüfung zu kümmern.” Ein Bauherr, der sich erst im Juli meldet, muss sich ein Jahr gedulden.

Bevor er kartiert, schränkt Raskin die knapp 200 planungsrelevanten Arten auf höchstens zwei Dutzend ein, die vorkommen könnten. Denn: “Wir können nicht ins Blaue hinein untersuchen.” Dann wird kartiert. Raskin ist die letzte Hürde; er macht Inventur von Biotopen, bevor gebaut wird. Die Naturschützer hassen ihn, wenn er sein Okay gibt. Mancher Bauherr auch, wenn er auf dem Grundstück eine seltene Art findet, eine Fledermaus, einen Vogel. Oder einen Hamsterbau. Manchmal ist es Raskin gegen Raskin, ein innerer Kampf zwischen dem Umweltgutachter und dem Umweltliebhaber. “Der Sachstand geht immer vor”, sagt er.

Es erfordert Rückgrat vom Gutachter, vier verlassene Hamsterbaue nicht zu übersehen. Zu den Bauherren – die die Gutachten bezahlen – zu gehen und zu sagen: Hier sind vier Hamsterbaue. Löcher eines Nagers, die die Kraft haben, einen Tagebau zu stoppen. “Manche Auftraggeber fahren dann aus der Haut”, sagt Raskin, “aber als Gutachter bleibe ich nur glaubwürdig, wenn ich mich an die Wahrheit halte.”

300 Projekte hat sein Team bearbeitet, und jedes war anders. Sie erforschen die Lebensgewohnheiten der Arten und tüfteln an Lösungen. Mal genügen ein paar Fledermaus-Bretter am Gerüst der Baustelle, dann wieder ist es nötig, einen komplett neuen Lebensraum zu schaffen. Und manchmal gibt es keine Lösung, dann muss woanders gebaut werden. Das aber, sagt Raskin, sei bei seinen Projekten “bisher nicht vorgekommen”.

Fast immer gebe es einen Kompromiss: Das Windrad im Fledermausgebiet wird in den typischen Nächten des Fledermauszugs automatisch heruntergefahren. Eine kleine Änderung der Steuerungs-Software genügt. Die Tiere bevorzugen praktischerweise windstille Nächte, sodass die Rücksicht auf sie kaum für Einbußen sorgt.

Die letzten nordrhein-westfälischen Birkhühner wurden im Winter gesichtet, wo bald ein Radweg entlangführen soll. Raskin hat vorgeschlagen, den Radweg im Winter nicht zu räumen würde er nicht benutzt, könnten auch die Birkhühner nicht gestört werden. “Ein Fahrradweg kann ein größerer Eingriff sein als eine Autobahn”, sagt er.

Der vorgezogene Ausgleich ist eine andere Möglichkeit für Artenschützer und Bauherren, einen Kompromiss zu finden. Dazu werden vor Baubeginn Ersatzflächen für die Tiere geschaffen. Wenn das funktioniert, können die Bagger kommen. “Es gibt immer das Risiko des Scheiterns”, sagt Raskin. “Wenn man den Artenschutz so umgehen will, muss man vorher Geld in die Hand nehmen. Und da tun sich Kommunen schwer.”

Gerade hat er gewonnen, vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Seine Gegner würden sagen: gegen die Wasserralle. Raskin sagt: für die Autobahn und für die Wasserralle. Die Wasserralle ist ein unscheinbarer brauner Wasservogel und stark gefährdet. Sie brütet dort, wo ein fast drei Kilometer langes Stück Autobahn gebaut werden soll. Wie der Feldhamster gehört die Wasserralle zu den Arten, die Bauprojekte stoppen können. “Mitten im Ballungsraum. Drum herum ist Ruhrgebiet”, sagt Raskin, “Opelwerk im Norden, Autobahn im Osten, Siedlung im Süden, Gewerbegebiet im Westen.” Der seltene Vogel brütet nicht etwa in einem Biotop, sondern in einem Regenrückhaltebecken. Die neue Autobahn soll keine hundert Meter vom Becken entfernt verlaufen. “Das ist eine völlig künstliche Situation”, sagt Raskin.

Es hat etwas gedauert, bis die Autobahn-Gegner erkannten, dass nicht der Lärm oder das Verkehrsaufkommen über das umstrittene Projekt richten, sondern das alles an dem Vogelnest hängt. “Dass ich mal für den Autobahnbau arbeiten würde, hätte ich mir auch nicht vorstellen können”, sagt Raskin. Drei Stunden hat das Gericht über die Wasserralle verhandelt, während der ahnungslose Vogel vermutlich in seinem Nest saß und brütete.

Und jetzt gibt es eine typische Raskin-Lösung: 200 Meter südlich ist ein leeres Regenwasserbecken. Das wird jetzt geflutet, damit in den beiden nächsten Jahren dort Röhricht wächst. “Wenn die Autobahn kommt, ist ein Ersatzlebensraum schon da”, sagt er. “Vielleicht bleibt die Wasserralle aber auch einfach da, wo sie ist.”

Es ist eine pragmatische Lösung. Kein Entweder-oder, sondern eine, die auf beide Seiten Rücksicht nimmt und Auswege findet. Dafür wird er beauftragt.

Und dann ist er doch wieder bei den Hamstern. Er hält eine grüne Tafel in der Hand. “Ungespritzter Acker, Randstreifen oder Brache zur Förderung des Feldhamsters und seltener Feldvögel”, steht darauf. Abgebildet ist ein Feldhamster, darunter das Avantis-Logo. Bauern sollten die Schilder aufstellen, um den Leuten so zu erklären, dass es auf ihren Rainen nicht einfach so wuchert, sondern dass es dem Hamster zuliebe geschieht.

Raskin ist sicher, dass es keine Hamster gab. Und hätte es welche gegeben, wären sie gern umgezogen auf die Ausgleichsfläche, die eine Mitarbeiterin immer noch pflegt. “Wir wissen durch die Aufregung heute sehr genau, welche Maßnahmen die Hamster brauchen”, sagt er. Das Geld hat die Feldhamsterforschung weitergebracht. Im Norden, das Feld ist von der Avantis-Allee aus gut zu sehen, haben niederländische Tierfreunde gerade zwei Dutzend nachgezüchtete Feldhamster ausgesetzt. Dort, neben der Allee auf den ungenutzten Brachen, müssten sie sich eigentlich ganz gut eingewöhnen können.

(Erstmals erschienen in brand eins Ausgabe 08/2010 – Was Wirtschaft treibt)