Der Boxkampf

Mit einem orangefarbenen Server will das IT-Start-up Protonet das Netz revolutionieren: Jeder Nutzer soll selbst entscheiden können, was mit seinen Daten passiert.

Mit Fotos von Gene Glover und Illustration von Alexander Wells
Ali Jelveh reicht zur Revolution Schnittchen und frisches Obst. Auf dem Flatscreen am Ende des Buffets, verbunden mit seinem Laptop, ist eine große schwarze Fläche zu sehen. Darauf ein Schriftzug in leuchtendem Orange: „FREE YOUR DATA“. Es ist der Titel einer Kampagne, mit der Jelveh in den Kampf zieht. Sein Ziel: Per Gesetz sollen Unternehmen mit mehr als einer Million Kunden gezwungen werden, ihre Daten preiszugeben. Facebook und Amazon, Telekommunikationsunternehmen und Versicherungen. „Jeder soll sehen können, was über ihn gespeichert ist“, sagt der 33-Jährige. Es ist eine große, nein: eine größenwahnsinnige Idee.

Sie geht so: Wenn jeder in der Lage wäre, in Echtzeit auf dem Bildschirm seines Smartphones verfolgen zu können, was über ihn gespeichert ist — beim Surfen im Netz, beim Einkaufen im Supermarkt, beim Telefonieren mit der Hotline eines Telefonanbieters, würde mit einem Mal offenbar, wie viel wir Tag für Tag gedankenlos von uns preisgeben. Totale Transparenz zu jeder Sekunde — es ist ein so irrer Gedanke, als stamme er direkt aus dem Roman „The Circle“ von Dave Eggers. Jelveh weiß das. „Das ist totaler Wahnsinn“, sagt er. Doch die Idee beschreibt das Ideal, an dem Jelveh sich orientiert. Und Protonet, das von ihm gegründete IT-Startup aus Hamburg, ist das Werkzeug, mit dem er diesem so nah wie möglich kommen möchte.

Vor dem Startschuss der Befreiungsaktion hat er deshalb eingeladen: Aktivisten, Autoren, Kollegen — es sind Leute wie er, die glauben, dass die Daten, die gespeichert sind, doch dem Kunden und nicht dem Unternehmen gehören sollten. Die Bekehrten muss er nicht bekehren. Mit ihnen will er sich vielmehr beraten, wie man die auf die Straße bekommt, die diesen Schatz immer noch so leichtfertig aus der Hand geben.

Der Plan

„Free your data“ — der Satz soll sich zur Parole einer Massenbewegung entwickeln, zu einem Marschbefehl. Die Mitte Februar gestartete Kampagne will die Brücke schlagen zwischen der Ungreifbarkeit des NSA-Skandals und dem, was die Sammelwut der Konzerne konkret für jeden User, jeden Kunden bedeutet. Angelegt ist sie über mehrere Monate. Auf der Plattform freeyourdata.org sollen sich Interessierte informieren können. Parallel nehmen Online-Plakate die Datenbarone von Mark Zuckerberg bis Sergey Brin auf die Schippe. Eine Videomontage soll deutlich machen, dass es den Netzunternehmen nur um eines geht: Daten, Daten, Daten. Das spätestens soll die Leute zusammentreiben. Erst im Netz, dann auf der Straße. So lange, bis das Gesetz auf dem Weg ist. Das ist der Plan.
Es ist die wohl mutigste Kampagne, die ein Startup je unternommen hat. Und sie ist vielleicht auch die naivste. Wenn schon die Enthüllungen von Edward Snowden keine Massendemonstrationen in Gang gesetzt haben, wie soll das dann ein kleines IT-Startup aus Hamburg schaffen? Und selbst wenn: ein Gesetz durchdrücken? Dafür bräuchte man eine Lobbymaschine, die allein in Deutschland Jahre arbeiten würde, ohne sicher sein zu können, ob sie Erfolg hat. Und wie soll ein nationales Gesetz gegen internationale Konzerne helfen? Jelveh sind solche Zweifel egal. Wie radikale Tierbefreier die Legebatterien stürmen, will er zum Sturm auf die Datenbatterien blasen. Er ist überzeugt: Wäre transparent, welche Daten über uns im Umlauf sind, würde sich das komplette Ökosystem der digitalen Welt verändern. Die User könnten sehen, dass sie eine Wahl haben. Die Folge wäre ein Geschäftsverhältnis auf Augenhöhe. Dafür kämpft er. Er will aber nicht nur, dass die Menschen sorgfältiger mit ihren Daten umgehen — sie sollen sie selbst besitzen. Besitzen im ganz handfesten Sinn.

Das Meisterstück

Das Symbol für die neuen Besitzverhältnisse ist ein Tubus mit orangefarbener Metallschale und nur einem Knopf. Der Server Maya ist das Stück Freiland, auf dem die freigelassenen Daten in Zukunft leben sollen. Manchmal nennt Jelveh ihn „den einfachsten Server der Welt“, meist aber nur „die Box“. Sie ist sein Meisterstück, sein Produkt, das Back-End der Kampagne.

Um zu verstehen, wie beide zusammenhängen, muss man die Entstehungsgeschichte von Protonet kennen. Die Box ist nur Jelvehs Mittel zum Zweck. Ihm geht es weniger darum, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Sein Traum ist ein neues Netz. Ein Protonet.
Ali Jelvehs Antrieb ist nicht das Geschäft. Den Verkauf an einen Großkonzern schließt er aus.
Die Idee entsteht 2008. Zu dieser Zeit ist Jelveh noch Softwareentwickler beim Business-Netzwerk Xing und hat noch nie ein Stück Hardware gebaut. An einem Spätsommerabend schreibt er das Manifest Protonet Primer. Seine Vision: Mit dem Protonet soll ein unabhängiges Parallelnetz entstehen: dezentral organisiert, auf vielen kleinen Servern in Privathänden. Er schickt an einige Kollegen eine E-Mail mit dem Betreff „Wireless Mesh Network“ und hängt das Dokument an. Doch nur Christopher Blum, groß, ruhig und zuverlässig, steht danach jeden Feierabend auf die Minute pünktlich um halb sieben an Jelvehs Schreibtisch und sagt: „Zeit für Protonet.“
Die beiden beginnen, an ihrer Vision zu arbeiten. Wenige Monate später ist das Protonet fertig: eine Kombination aus Facebook-Gruppenchat (den es damals noch nicht gibt) und Dropbox. Eine Cloud in ihrem eigenen Kosmos. Teams können sich damit organisieren und zusammen arbeiten, sie können Dateien verwalten und einen gemeinsamen Terminkalender führen.

Bald arbeiten mehrere Xing-Abteilungen damit. Dann folgt Schritt zwei: eine Box, auf der das Protonet aufgespielt ist. Einfach zu bedienen, leicht zu kontrollieren und so schön, dass man sie sich gern ins Wohnzimmerregal stellt. Heute, knapp sieben Jahre und zwei spektakuläre Crowdfunding-Kampagnen später (im vergangenen Juni sammelt Protonet innerhalb von 90 Minuten 750.000 Euro ein, das bedeutete Weltrekord — am Ende werden es drei Millionen) ist sie etwa so geworden, wie Jelveh sie sich vorgestellt hat. Nur viel besser, findet er.

Die Herausforderung

Auf der Box ist bis zu einem Terabyte Platz. Aus dem Protonet ist das Betriebssystem Soul geworden. Es sorgt für das Stück Privatinternet, zu dem man Familienangehörige, Freunde oder Kunden einladen und autonom darüber entscheiden kann, wer wann und zu welchen Bedingungen auf welche Daten zugreifen darf. In der Gewissheit, dass sich kein ungebetener Gast darunter mischt. Die Box erlaubt Bio-Datenhaltung; daheim und kontrolliert. Maya ist bereits die dritte Box. Ihre großen Schwestern heißen Carla und Carlita, sind bis zu zwölf Terabyte groß und als Server für mittelständische Unternehmen konzipiert. Doch erst mit Maya, seit Mitte vergangenen Jahres auf dem Markt, könnte Jelvehs Vision Wirklichkeit werden. Ihr Preis: knapp 1400 Euro.

„Unsere Boxen sind wie das Laserschwert, das Obi-Wan Kenobi an Luke reicht“, sagt er. „Die Macht ist nicht im Schwert. Oder im Schmied. Die Macht ist in dir.“ Seine potenziellen Kunden von dieser Macht zu überzeugen, das ist seine große Herausforderung. Bislang haben sie von allen drei Boxen etwa 1500 verkauft, jede Einzelne produziert in der eigenen Server-Manufaktur in Hamburg, in der eine Goldschmiedin für das Design verantwortlich ist. Für eine Revolution ist das, offen gesagt, noch ein bisschen wenig.

Der Skeptiker

Jelvehs Antrieb, sich mit den Großen anzulegen, liegt in seiner Biografie. Als er vier Jahre alt war, floh seine Familie aus dem Iran. Sie wurde auseinandergerissen, er ging mit seiner Mutter und dem sechs Monate alten Bruder. „Von einem Tag auf den anderen waren wir alleine. Ich hatte das Gefühl von Ohnmacht“, erzählt er. „Damals habe ich beschlossen: Das passiert mir nicht mehr.“
Einer, den er mit seiner Begeisterung nicht hat anstecken können, ist sein früherer Chef, obwohl Lars Hinrichs seine beiden ehemaligen Mitarbeiter sehr schätzt. „Ali macht geiles Marketing“, sagt er. „Auch was sie mit dem Team machen, ist brillant.“ Trotzdem hat er in ihre Firma nicht investiert. „Ich glaube einfach nicht an die lokale Cloud“, sagt Hinrichs. „Das ist doch ehrlicherweise nichts anderes als eine Festplatte.“ Hinrichs stellt die entscheidende Frage: Warum sollen Leute 1400 Euro für etwas bezahlen, das sie im nächsten Elektronikmarkt deutlich günstiger bekommen?
Wenn es jetzt zu Ende geht, wird es wie das Ende einer großen Band sein.
Ali Jelveh
Jelvehs Antwort: weil Maya mehr kann als eine Festplatte aus dem Elektronikmarkt. Und weil die Leute auch für die Idee zahlen werden, die dahintersteht. „Klar: Wir werden immer ein Premium-Produkt sein. Aber wir stehen und wir kämpfen für etwas. Für Bio-Fleisch gibt man auch mehr aus, weil es besser schmeckt.“ Protonet fand dafür andere Fans: Als Mitte November 2014 die Lead-Awards vergeben wurden, mit denen hauptsächlich Print- und Online-Medien ausgezeichnet werden, wurde Protonet zum „Startup des Jahres“ gekürt.

Das Ende?

Jetzt setzt Jelveh alles aufs Spiel. Mit seiner Kampagne will er die ganz Großen provozieren, und wenn er sich dabei verrennt, könnte alles ins Wanken geraten: die Idee der lokalen Cloud, das Leben als gefeierter Start-up-Gründer, die Euphorie unter seinen Leuten. Manchmal schüttelt man innerlich den Kopf, wenn man ihm zuhört, und denkt: „In Wahrheit ist diese Kampagne doch nur geschickt inszenierte PR.“ Natürlich ist sie das auch: Jelveh möchte, dass die Leute seine Box kaufen. Aber das Anliegen dahinter ist ihm genauso wichtig. Er weiß, wie ungleich die Waffen sind. „Wir haben nicht das Kapital wie die anderen, nicht die Anwälte, nicht den Footprint in der Politik. Trotzdem machen wir es. Und wenn wir jetzt verlieren, wird es wie das Ende einer großen Band sein.“ Das ist so ehrlich, großspurig und irre, wie es nur jemand sagen kann, der seinen Jobtitel als „Chief Revolutionary Officer“ ernst meint.