Corporate Reportage: Das Wunder von Phnom Penh

Vor zwanzig Jahren baute ein Mathelehrer eine kleine Hilfsorganisation auf. Heute ist Acleda die größte Geschäftsbank Kambodschas.
Ein Lehrstück aus Südostasien.

Text: Jakob Vicari
Bankdirektor In Channy hat den Groove. Mit Popsongs baute er die größte Bank Kambodschas auf. Tanzend kamen viele Kambodschaner zu ihrem ersten Girokonto.
»Hey! Ich bin glücklich, so glücklich, mein Schatz, glücklich mit dem Geldautomaten. Acledas neuer Service hilft der Hausfrau, hilft mir beim Überblick über Ausgaben und Einnahmen.«
Die Zeilen des Popsongs klingen viel zu leicht für die schweren Aufgaben des frischgebackenen Bankdirektors: den Menschen in Kambodschas Dörfern die Kiste zu erklären, die Geld ausspuckt, wenn man eine Karte hineinsteckt. Und im völlig verarmten, von Krieg und Bürgerkrieg zerstörten, von der Korruption durchsetzten Kambodscha eine gute Bank aufzubauen. Eine Bankfiliale, das ist überall auf der Welt das Herz der lokalen Wirtschaft. In Phnom Penh gab es 1993 nicht einmal eine funktionierende Währung. Während ihrer Schreckensherrschaft hatten die Roten Khmer das Geld verboten und die Nationalbank gesprengt. Channy ist angetreten, das zu ändern. Mit dem Popsong begann die fantastische Erfolgsgeschichte von Acleda als Bank in diesem lange vergessenen Winkel der Welt.
Auf dem Monivong Boulevard kämpfen an diesem Morgen Motorroller, Tuk-Tuks und Geländewagen um Zentimeter im vollkommenen Verkehrschaos von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Regeln scheint es nicht zu geben in diesem Meer aus buntem Blech, vor allem niemanden, der sie überwacht. Die Fahrer verlassen sich auf ihre Hupen und scheren sich nicht allzu sehr um die Beulen. Das ist innen anders, im fünfgeschossigen Glaskasten, der Zentrale der Acleda-Bank. Hier herrschen strenge Regeln. Schon vor der Bank stehen Männer und teilen das Blechmeer für die Wagen der Bankkunden.
»Dieses Land war ein einziges Chaos. Wir wollten eine geordnete, an Werten ausgerichtete Organisation schaffen«, sagt Channy. Er bittet in sein Büro im fünften Stock der Bankzentrale. So wie er dasteht, 52 Jahre alt, klein und kräftig, strahlt er nicht die Macht des Geldes aus, sondern Vertrauen. Und das ist die wertvollere Währung in einem Land, in dem jeder Stempel für ein Bündel Dollar käuflich ist.
Wie konnte es der Lehrer Channy schaffen, aus dem Nichts die größte Bank Kambodschas aufzubauen? Im Grunde steckt in dem Popsong über den Geldautomaten das ganze Erfolgsgeheimnis der Acleda-Bank. Er brachte seine Bank zu den Menschen. Und er machte ihre Leistungen begehrlich. Für den Song engagierte er die populärste Popsängerin seines Landes. Die Musik ließ der gewiefte Bankdirektor kostenlos in den Überlandbussen und Dorfdiscos spielen. Jeder sollte Acleda kennenlernen, in jeder Kleinstadt der Wunsch nach einer Filiale geweckt werden. Die Musik war gut, die Menschen tanzten, und Acledas Botschaft wurde zum Ohrwurm. Nicht anders wäre wohl auch Coca-Cola vorgegangen, der Konzern, der seine Marketingbotschaften in den letzten Winkel dieser Welt trägt. Channy hat früh die Wirkungen erkannt, die Kapital auf die Armut der Menschen und Unternehmertum auf die Stabilität des zerrütteten Landes haben können. Wenn der Bankdirektor spricht, erzählt er von Menschen und ihren Werten, nicht von Produkten und Rendite. In der Bank fallen Entscheidungen im gesamten Team. »Hätte nur eine kleine Gruppe unsere Werte zu verantworten, sie gingen uns verloren«, sagt er.
Channy hatte die Hölle gesehen. Als Jugendlicher wurde er mit vorgehaltener Waffe zur Arbeit auf den »Killing Fields« gezwungen, auf denen die Roten Khmer den Massenmord an ihrem Volk verübten. Mit 18 Jahren flüchtete er. Siebzehn Jahre verbrachte er in Flüchtlingslagern an der thailändischen Grenze. Sein letzter Wohnort war »Site II«, ein baumloses Stück Nichts, in dem mehrere Jahrzehnte bis zu 180.000 Menschen lebten, die vor dem Terror im eigenen Land geflohen waren. 1992 schickten die Vereinten Nationen eine Blauhelmmission, um das Land zu befrieden. Da kehrte Channy zurück und gründete seine Bank. Er wollte den Vertriebenen, den Witwen des Krieges, den entlassenen Soldaten Geld leihen, kleine Summen für den Beginn einer Selbstständigkeit.

Das Dorf Thlarng, eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt. Pfannenmacher Shorn Shidern befeuert den Lehmofen vor seinem Haus. Drinnen schmilzt Aluminium. Seine Frau Eam Srey Neang formt mit den Händen aus Erde einen Hügel. Die Kuppel hat den Umfang einer Fahrradfelge. Es ist die Form für eine der großen Bratpfannen, die das Paar produziert. Die Pfannenproduktion, das sind sie beide. Wenn das Aluminium geschmolzen ist, werden sie die Sandform auseinanderwuchten. Sie werden einen Spalt aus fest gedrückter Erde schaffen, in den sie das Aluminium gießen.
Eam Srey Neang sagt, dass sie zehn Pfannen am Tag machen, anderthalb Stunden brauchen sie pro Pfanne, für jede zahlt ihnen der Großhändler 20 Dollar. Von der Pfannenproduktion bleibt genug zum Leben für Eam Srey Neang und ihre Familie. Einmal kauften sie Essen, und dann fehlte das Geld für das Material, erzählt Eam Srey Neang. Da haben sie erfahren, wie wichtig unternehmerisches Kapital ist. Vor einem Jahr haben sie sich entschlossen, einen Kredit aufzunehmen, 900 Dollar, mit denen sie mehr Material kaufen konnten. Das ist genug, um bis zur nächsten Reisernte Pfannen zu machen.
Acleda hat landesweit 234 Filialen, das sind zweihundert mehr, als die größte Konkurrentin besitzt. Mit jeder neuen Filiale schloss Channy ein Dorf an die moderne Wirtschaft an. Die Bank in der nächsten Kleinstadt ist für Eam Srey Neang die Voraussetzung für sichere Geschäfte über die Stadtgrenzen hinaus. Channy und sein Team begannen als Hilfsorganisation und merkten, dass Kambodscha mehr braucht als Mikrokredite. Die Menschen wollten ihr Erspartes sicher aufbewahren, sie wollten Verwandten Geld überweisen und sich Geld für private Anschaffungen leihen. Channy sagt: »Das Volk brauchte eine richtige Bank.«
Das Gründungstreffen von Acleda an einem Tag im Januar 1993 begann schlecht. Der künftige Bankchef hatte seine Mitstreiter versammelt. Die 28 Mutigen wollten den Schritt wagen, Mikrokredite zu vergeben, in einem Land, in dem es lange kein Geld gegeben hatte, das weder Bankgesetze noch einen Finanzsektor hatte. Die Internationale Arbeitsorganisation stellte ihm 630.000 US-Dollar Startkapital zur Verfügung. Und sie schickte ihre besten Experten zur Unterstützung.
Jetzt saßen sie zusammen und schwiegen. Schweigen, das garantierte unter den Schergen Pol Pots das Überleben. Doch jetzt mussten sie diskutieren. »Wenn ihr nichts sagt, werden wir ein Schwein als Logo nehmen«, sagte Channy, »ein Schwein wird für unsere Marke stehen und auf unserem Briefkopf prangen.« Die Empörung über diesen Vorschlag löste die erste wilde Diskussion der Bankgeschichte aus. Bis Mitternacht stritten und debattierten sie.
Channy erzählt diese Geschichte in seinem Büro am Monivong Boulevard mit seinen Händen, als würde er Acleda noch einmal aufbauen. Er geht hinüber zu dem kleinen Tresor in der Ecke, darauf steht ein Wasserkocher, und kocht einen Tee. Sie wählten damals den goldenen Hong-Vogel zum Logo. »Der Vogel rettet in unserer Legende die Menschen vor dem Ertrinken!«, ruft er herüber. Das Diskutieren haben sie sich bis heute als Unternehmenskultur erhalten. »Es ist manchmal träge, aber es gewährleistet, dass alle auch die großen Schritte mitmachen«, sagt Channy.
Auf dem Weg zur Bank hatten vor zwölf Jahren vier internationale Investoren die Hälfte der Aktien übernommen: die Internationale Finanz-Corporation der Weltbank (IFC), die niederländische Entwicklungsgesellschaft FMO, die auf Mikrofinanzierung spezialisierte Nachhaltigkeitsbank Triodos und die DEG. »Die Beteiligung war für uns kein großer Betrag. Groß war der Schritt nach Kambodscha«, sagt Jutta Wagenseil. Sie kam für die DEG 2001 in den Aufsichtsrat der Acleda-Bank. Eine einzige Zahl verdeutlicht das rasante Wachstum: Die Bilanzsumme von Acleda stieg von 22 Millionen US-Dollar im Jahr 2000 in zehn Jahren auf 1200 Millionen US-Dollar. »Ich empfand das als Privileg: Ich konnte miterleben, wie eine Bank entsteht, und habe die Entwicklung zehn Jahre mitgestaltet«, erläutert Wagenseil. Die Beteiligung an Acleda ist nicht untypisch. Die DEG setzt in aller Welt auf eine Stärkung des Finanzsektors. Jutta Wagenseil: »Ein funktionierendes Bankensystem, das allen offensteht, ist eine wichtige Voraussetzung für Wirtschaftsentwicklung.«

»Die Teilhaber brachten nicht nur Geld mit, sondern vor allem Expertise«, sagt der Bankdirektor Channy. Als Lehrer hatte Channy Betriebswirtschaft unterrichtet, doch vom Kreditgeschäft hatte er keine Ahnung. Abends um fünf, nach seinem Tag als Chef eines wachsenden Mikrofinanz-Instituts, ging Channy in die Universität, um seinen Master in Business Administration zu machen. »Würde ich noch mal beginnen, würde ich direkt als Bank anfangen«, sagt Channy, »doch das schien mir damals undenkbar.«
»Die Acleda-Bank hat von der ersten Minute an Gewinn gemacht«, betont Wagenseil. Im strengen Geschäftspolitischen Projekt-Rating der DEG, mit dem alle Projekte bewertet werden, wurde Acleda mit der Note Eins eingestuft. Eins, das ist eine gute Investition, die im Land wirkt. Acleda bietet Hochschulabsolventen attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten und erreicht mit ihrem Filialnetz die ärmsten Teile der Bevölkerung. Die Hälfte der Acleda-Kunden sind Bauern. Die Bank hat ihr Leben sicherer gemacht vor Missernte und Unfällen. Und immer mehr Unternehmen wachsen zu kleinen Mittelständlern. »Als unsere Kunden wuchsen, wuchsen wir mit«, sagt Channy.
Druckereibesitzer Lor Srun Nguon ist einer der neuen Mittelständler. Draußen deutet nichts auf die Firma hin, aber in der Halle arbeiten fünfzig Mitarbeiter. Mit Bankkrediten hat er sein Unternehmen in den letzten zehn Jahren aufgebaut. In der Ecke seines kleinen Büros steht ein Karton mit deutschem Buchbinder-Klebeband: »So gutes bekommt man nirgendwo sonst«, sagt er. Sein Geschäft sind Schulhefte und Blöcke, viele verkauft er nach Thailand. Lor Srun Nguon greift nach einem der Hefte. »Dies ist das komfortabelste Notizbuch, dem Sie je begegnet sind«, steht auf Englisch auf dem schwarzen Umschlag. Er importiert Papier und Tinte aus Indonesien. Die Hefte produziert er das ganze Jahr hinweg, doch sein Hauptgeschäft macht er zweimal im Jahr zu Schulbeginn. »Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, habe ich den Kredit aufgenommen«, sagt er.
Im Kern ging es Acleda die ganze Zeit nur um das klassische, seit Jahrhunderten praktizierte Geschäft einer Bank: Spareinlagen sammeln, Geld verleihen und mit gutem Gewinn zurückbekommen. Acleda beschäftigt sich nicht mit Spekulationen auf Optionen und ähnlichen Geschäften, mit denen Banken heute ihr Geld machen. »Wir machen hier Bankgeschäft wie vor zweihundert Jahren«, sagt John Brinsden, der Vizevorsitzende des Aufsichtsrates. Er brachte bei Acleda die Erfahrung einer Großbank ein. Brinsden ist Neuseeländer und arbeitete vierzig Jahre für die Privatbank Standard Chartered in Asien. Nach seiner Pensionierung kam er zu Acleda. »Meine alten Kollegen haben mich ausgelacht, als sie hörten, dass ich jetzt Kredite für zwanzig Dollar vergebe«, sagt er. »Denen habe ich gesagt: Macht ihr erst mal so viel Rendite wie wir.«
Channy, der Lehrer aus dem Flüchtlingslager, finanzierte viele Träume, und dabei wurde sein eigener großer Traum Wirklichkeit. Acleda war nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch ein lohnendes Investment. Die DEG hat ihre Beteiligung im letzten Frühjahr gewinnbringend verkauft. Das heißt nicht, dass sie sich ganz zurückzieht: Mit langfristigen Krediten sichert sie die künftige Entwicklung von Acleda. Die Bank möchte zur Regionalbank werden. Die ersten Filialen in Laos wurden vor vier Jahren eröffnet.
Das nächste Abenteuer für Acleda steht bevor: die Börse. Drei Staatsunternehmen werden dieses Jahr als erste Unternehmen an der Börse gelistet. Das Computersystem ist schon installiert. Damit die Banker den Aktienhandel üben, können die Mitarbeiter untereinander mit den eigenen Acleda-Anteilen handeln. Der Mut der 28 Frauen und Männer, die die Bank gründeten, um ihr Land zum Guten zu verändern, wirkt in der Unternehmenskultur nach. Banker aus aller Welt werden im Acleda-Schulungszentrum ausgebildet. Die KfW Entwicklungsbank unterstützt diese Ausbildung. Gerade ist das achte Album mit Bankmusik erschienen. Im Tanzschritt geht der märchenhafte Aufstieg der Bank mit dem goldenen Vogel weiter.

Dieser Artikel ist Corporate Publishing. Er erschien in dem von uns entwickelten Magazin “Sei mutig!” zum Jubiläum 50 Jahre DEG.