Corporate Interview: An Mut mangelte es uns nicht

Bundespräsident a. D. Walter Scheel über die Geburt der Entwicklungszusammenarbeit, den deutschen Mittelstand in Afrika und die Gründung der DEG vor fünfzig Jahren.
Interview: Katja Kasten und Jakob Vicari

Herr Bundespräsident a. D., wie kamen von Hassel und Sie vor fünfzig Jahren auf die Idee, die DEG zu gründen?
Wir haben die Notwendigkeit einer internationalen Entwicklungsorganisation für den deutschen Mittelstand am eigenen Leibe erlebt. Herr von Hassel und ich engagierten uns seit den fünfziger Jahren in der Entwicklungspolitik. Ihn beschäftigte vor allem der afrikanische Kontinent. Ich leitete damals zwei Firmen, die sich auch im internationalen Bereich bewegten. Und wir waren noch nicht Berufspolitiker. Wir haben uns sehr gut verstanden. Uns beiden war klar, nachdem das Entwicklungsministerium gegründet war, dass wir auch eine Ausführungsgesellschaft brauchten.

Welche Rolle spielte die DEG beim Aufbau der deutschen Entwicklungshilfe?
Gewiss war die DEG ein wichtiger Baustein. Wir brauchten eine kleine, gut funktionierende Gesellschaft, die gerade dem Mittelstand Wege in die Länder der Dritten Welt aufzeigen konnte. Dass dadurch die Entwicklungsländer so stark – wie heute nach fünfzig Jahren erkennbar – profitierten, war damals noch gar nicht so absehbar. Ich habe ja immer die Devise vertreten, den Menschen nicht mit Almosen zu helfen, sondern mit ihnen wirtschaftlich zusammenzuarbeiten. Almosen bewirken nichts. Deshalb freue ich mich auch über den ersten Namen meines Hauses: Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Was ja nicht heißen soll, dass Deutschland nicht helfen kann.

Die DEG steht für einen unternehmerischen Ansatz. Eine Form der Entwicklungsarbeit, die Sie über die Jahrzehnte immer vertreten haben. Warum ergibt Leihen mehr Sinn als Schenken?
Bis auf die Wurzel meines Verstandes bin ich davon überzeugt, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit und Bildungszusammenarbeit die Lebensperspektiven der Entwicklungsländer verbessern werden, aber das Geschenk wird nichts bewirken. Es macht den Menschen lediglich träge.

Welche Hürden gab es, Mittelständler davon zu überzeugen, in die Entwicklungsländer zu investieren?
Die Hürden lagen eher im Detail als in der Bereitschaft. Denn unser deutscher Mittelstand ist so flexibel und stark, dass gar nicht viel Überredungskunst von unserer Seite nötig war. Schwieriger war dann immer die Umsetzung vor Ort. Wir hatten ja noch keine Erfahrung, aber an Mut mangelte es uns nicht.

Die DEG zeichnete sich immer durch Sacharbeit aus, anstatt großen Wirbel zu machen. Steckte dahinter eine bewusste Strategie?
Definitiv. Gerade der erfolgreiche deutsche Mittelständler braucht keine aufgeblasene PR-Begleitung, sondern Sacharbeit im Stillen. Die DEG wurde auch und gerade deshalb sehr geschätzt.

Welche Unterstützung suchten die deutschen Unternehmen in der Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern?
Wichtig war für alle die Kontaktanbahnung. Und natürlich auch die Finanzierung. Der klassische Mittelstand brauchte dabei selbstverständlich mehr Unterstützung als große Konzerne wie Thyssen oder VW. Die Kooperation zwischen Entwicklungsprojekten und Mittelstand war genau das, was nötig war. Und das gilt in meinen Augen noch heute. Ich bin der Überzeugung, dass nicht ein großes Leuchtturmprojekt der Weg ist, sondern viele langfristige Projekte mit gegenseitiger Vorteilserzielung. Die DEG ist dafür das klassische Instrument, um internationale Geschäftspartnerschaften durchzusetzen.

Warum konzentrierte sich die DEG am Anfang auf Afrika?
Das lag an uns, den beiden Gründungsvätern. Herr von Hassel hatte über den Afrika-Verein eine Nähe zum Kontinent. Und ich erlebte als Vorsitzender des Entwicklungspolitischen Ausschusses des Europä­ischen Parlaments die afrikanischen Staaten bei ihren Bemühungen, die Unabhängigkeit von ihren Kolonialstaaten zu erlangen. Dabei sind wir beide jahrelang kreuz und quer durch Afrika gereist und haben eine Menge Erfahrungen gemacht, die wir dann in die Arbeit der DEG einbringen konnten. Aber uns war auch klar, dass es langfristig nicht bei Afrika bleiben sollte.

Welche Rolle spielte beim Aufbau der DEG der alles überschattende Kalte Krieg?
Für mich und meine Partei war der Ost-West-Konflikt in den fünfziger und sechziger Jahren dominierend. Natürlich wurden Unterschiede gemacht zwischen den kommunistischen Ländern und der westlichen Welt. Aber ich habe mir immer herausgenommen, dass wir den Menschen helfen wollen, die Not leiden, und nicht Politik machen wollen. Ich denke dabei an Julius Nyerere. Er gilt heute noch als Staatsgründer von Tansania. Wir haben uns in meiner Zeit als Entwicklungspolitiker häufig getroffen und uns gegenseitig sehr geschätzt und gemocht. Nyerere verkörperte ja einen afrikanischen Sozialismus. Aber wenn wir über die verschiedenen Projekte sprachen, ging es nicht um Marktwirtschaft oder Politikwissenschaften, es ging um die Menschen in Ostafrika. Es war eine hervorragende Zusammenarbeit.

Gab es einen Moment, in dem Sie begriffen, mit der DEG im Ganzen auf dem richtigen Weg zu sein?
Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, wann das genau der Fall war. Im Grunde war ich vom Erfolg der Entwicklungsgesellschaft von Anfang an überzeugt. Es ist ja recht interessant, wenn man, wie ich, Gesellschaftsgründungen erlebt und dann beobachtet, wie sich der Sprössling entwickelt. Nach erfolgreichen Gründungen wird irgendwann wie selbstverständlich von einer Erfolgsstory gesprochen. Das kann schon sehr schnell geschehen, wie ich es bei meiner privaten Firmengründung, dem Beratungsunternehmen Interfinanz, erlebt habe. Oder es kann einige Jahre dauern.

Wie haben sich Ihre Erfahrungen mit der DEG auf Ihr späteres Amt als Bundespräsident ausgewirkt?
Das will ich jetzt nicht überbewerten. Natürlich bin ich als Entwicklungsminister mit mehr Wissen in das Präsidentenamt gestartet. Ich war mir als Bundespräsident immer sicher, dass ich mich nach meiner Amtsperiode verstärkt in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren würde. Dazu gehört für mich auf der einen Seite die Gründung der deutschen Sektion von Plan International. Aber dazu gehört auch mein langjähriger Aufsichtsratsvorsitz bei der DEG.

Welche Themen halten Sie in der heutigen Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit für besonders wichtig?
In der Entwicklungspolitik ist der Schlüssel zu allem ein modernes Bildungssystem. Hierbei stellt besonders die ländliche Bevölkerung für die Völkergemeinschaft eine große Herausforderung dar. Allerdings ist die DEG ja nicht auf diesem Sektor der Ansprechpartner. Für die DEG sehe ich die Perspektive in der weiteren Förderung der Zusammenarbeit des Mittelstandes.

Wenn Sie nach vorne schauen, wie wird die DEG in fünfzig Jahren aussehen?
Sie sieht heute ja schon ganz anders aus als vor fünfzig Jahren. Ich habe aber einen Wunsch. Ich erhoffe mir eine Entwicklungszusammenarbeit zwischen gleichberechtigten Entwicklungspartnern. Ich wünsche mir, dass die DEG dabei die richtige Rolle einnimmt und weiter an der Spitze moderner Entwicklungszusammenarbeit steht.

Walter Scheel wurde 1961 erster deutscher Entwicklungshilfeminister. Zusammen mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel entwickelte er die »Deutsche Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit«, die heutige DEG, die am 14. September 1962 in Köln gegründet wurde.
Dieser Artikel ist Corporate Publishing. Er erschien in dem von uns entwickelten Magazin “Sei mutig!” zum Jubiläum 50 Jahre DEG.